Die 48. Produktion der Neuburger Kammeroper e. V.

 im Stadttheater Neuburg/Donau ist Geschichte

 

ABENTEUERLUST

(Joconde oder Les Coureurs d’aventures)

Opéra-comique in 3 Akten - Uraufführung: 28. Febr. 1814

 

Libretto von Charles Guillaume Etienne

Musik von Nicolas Isouard

(1775 Malta - 1818 Paris)

 

Personen:

Robert, Graf von Martigue

Karsten Münster

Joconde, Vertrauter des Grafen

Patrick Ruyters

Lysandre, Freund der gräfl. Familie

Michael Hoffmann

Mathilde, Comtesse, Roberts Verlobte

Annika Liljenroth

Edile, ihre Freundin, Jocondes Verlobte

Astghik Khanamiryan

Jeannette, Bauernmädchen

Janina Pudenz

Lucas, Bauernbursche

Wolfgang Veith

Dorfrichter

Horst Vladar

 

 

Musikalische Leitung

Alois Rottenaicher

Korrepetition

Su-Jin Kim

Choreinstudierung

Norbert Stork

Bühnenbild

Michele Lorenzini

Inszenierung

Horst Vladar

 

Herren und Damen der Schlossgesellschaft, Bauern und Bäuerinnen - Der Chor der Neuburger Kammeroper

 

 

Es spielte das Orchester des Akademischen Orchesterverbandes e. V. München

http://www.aov-muenchen.de/cms/

 

 

Schlussbild

Die Handlung spielt im Mittelalter in der Provence. Graf Robert und Joconde, sein Vertrauter, halten zu Unrecht Gräfin Mathilde und deren Freundin Edile, ihre Verlobten, für untreu. Sie beschließen deshalb enttäuscht, sich als Troubadoure durch die Lande ziehend am weiblichen Geschlecht zu rächen. Doch Lysandre, der gemeinsame Freund der vier, verrät besorgt den Plan. Die Frauen folgen den Abenteuerern als Zigeunerinnen verkleidet.

In einem nahe gelegenen Dorf rüstet man zum Rosenfest, bei dem das unschuldigste Mädchen zur Rosenkönigin gekrönt wird. Die hübsche Jeannette liebt zwar schon ihren Lucas, will aber trotzdem unbedingt den Preis erringen. Sie gerät an die „Troubadoure“, die sie begeistert umwerben, versteht es aber geschickt, sie hinzuhalten. Der kauzige Dorfrichter, der das beobachtet hat, lässt die Abenteurer über Nacht einsperren, auch weil sie von den wahrsagenden „Zigeunerinnen“ als Betrüger bezichtigt werden. Als der Graf sein incognito lüftet, wird er nur ausgelacht. Am Morgen des Rosenfestes kommen Gräfin Mathilde und Edile als Gäste, decken alles auf und verzeihen den reuigen „Troubadouren“. Zähneknirschend muss Robert die „unschuldige“ Jeannette zur Rosenkönigin krönen.

 

Nicolas Isouard (1773 - 1818), ein gebürtiger Malteser begann 1794 seine Karriere als Komponist von Opern in Florenz, blieb dann aber wegen der Revolutionswirren in seinem Heimatland als Organist. Doch schon ab 1800 gab man in Paris seine Opern. Dort freundete er sich mit dem erstklassigen Librettisten F. B. Hoffmann an („Der Schatzgräber“ NKO 1983) an. Durch seine Freundschaft mit Ch G. Etienne, einem weiteren herausragenden Dichter, kam es zu einigen Spitzenwerken der Opéra comique, wie „Jeannot et Colin“ (1814), „Abenteuerlust“ (1814; NKO 2016) und „Wer für wen?“ (1816; NKO 1996). Er gehört zu den Meistern, die der Gattung ihre endgültige Form gegeben haben.

Karikatur von H. Daumier

 

Ch. G. Etienne (1777 - 1845) begann 1799 seine Karriere als Bühnenautor. 1801 schrieb er z. B. für  H. M. Berton „Die große Trauer“ (NKO 2009). Zwei weitere Werke fanden die wohlwollende Anteilnahme Napoleons, und Etienne wurde Chefredakteur des Journal de l’Empire. 1808 begann die Zusammenarbeit mit seinem Freund N. Isouard, mit dem er 10 Bühnenwerke – darunter 1816 „Wer für wen?“ (NKO 1996) und „Joconde“ (NKO 2016) – schuf. 1820 wurde er zum Abgeordneten gewählt und 1839 sogar zum Pair de France ernannt. Mit seinen Werken trug er entscheidend dazu bei, die Opéra comique während des Empire in die klassischen Bahnen der alten Komödie zurückzuführen.

 

Pressestimmen:

*Horst Vladar*, der im Jahr 1969 Mitbegründer der Neuburger Kammeroper war und seitdem auch ihr künstlerischer Leiter ist, inszenierte die Ausgrabung des maltesischen Komponisten und zog heuer als Darsteller des Dorfrichters auch die Fäden der Handlung. Als Regisseur gelang ihm eine flotte, humorvolle Inszenierung, in der das gut zusammengesetzte Sängerensemble durch seine große Spielfreude das Publikum begeisterte und immer wieder zu Szenenbeifall animierte.

Die beiden Troubadoure – Robert, Graf von Martigue, und sein Vertrauter Joconde – wurden von dem in Gotha geborenen Tenor *Karsten Münster* und von dem am Staatstheater Braunschweig engagierten und vielgereisten Bariton *Patrick Ruyters* gesungen, die sowohl gesanglich durch ihre kraftvollen Stimmen wie auch darstellerisch mit einem Hang zur Komik überzeugten. Blendend auch die mit den beiden „Draufgängern“ verlobten Damen. Als Edile brillierte die aus Armenien stammende Sopranistin *Astghik Khanamiryan* vor allem mit ihrer gleichfalls kräftigen Stimme, während die schwedische Sopranistin *Annika Liljenroth* – einige Male bereits Mitgestalterin der Neuburger Produktionen – mit ihrer höhensicheren Stimme, ihrer Eleganz und ihrer köstlichen Mimik bezauberte. Als „Zigeunerinnen“ waren beide so gut verkleidet, dass sie kaum zu erkennen waren.

Sehr kokett spielte die junge deutsche Sopranistin *Janina Pudenz* das Bauernmädchen Jeannette, das schließlich trotz ihrer Freundschaft mit dem Bauernburschen Matthes zur Rosenkönigin gewählt wird. Stimmlich steigerte sie sich von Szene zu Szene. Ihren Freund gab der ehemalige Wiener Sängerknabe *Wolfgang Veith* mit lyrischer Tenorstimme und

sympathisch wirkendem Spiel. Der aus Regensburg stammende Bariton *Michael Hoffmann* – seit vielen Jahren treues Mitglied der Neuburger Kammeroper –  spielte die Rolle des Lysandre, der als Freund der gräflichen Familie geschickt die Fäden zog, mit subtiler Komik.   

Stärker besetzt als in den Vorjahren war der *Chor*, der sowohl als Schlossgesellschaft wie auch als Bauernschaft auftrat und die kleine Bühne fast zu sprengen drohte. Er agierte wie immer sehr lebendig und stimmgewaltig (Einstudierung: *Norbert Stork*). Das etwa 30-köpfige *Orchester*, Mitwirkende des Akademischen Orchesterverbandes München –

wieder von *Alois Rottenaicher* mit großer Routine geleitet – brachte die musikalischen Feinheiten der Partitur gut zur Geltung.

Das begeisterte Publikum belohnte am Schluss der Vorstellung alle Mitwirkenden mit starkem, nicht enden wollendem Beifall, wobei *Horst Vladar*, die „Seele der Neuburger Kammeroper“ mit Jubelschreien gefeiert wurde.

/ Udo Pacolt/ in:

http://der-neue-merker.eu/neuburg-donau-abenteuerlust-von-nicolas-isouard-geb-1755

 

25. Juli 2016 Augsburger Allgemeine/Neuburger Rundschau (Klaus Hopp-Wiel):

Die Neuburger Kammeroper hat in den letzten Jahren wahre Glanzleistungen gezeigt, und so waren die Erwartungen in die diesjährige Ausgabe hoch gespannt. Würde es möglich sein, an die großartigen Erfolge der vergangenen Aufführungen anzuknüpfen? Mit dem Dreiakter „Abenteuerlust“ aus dem Jahre 1814 (Libretto: Charles Guillaume Etienne; Musik: Nicolas Isouard) hat man ein Stück ausgewählt, das alle Voraussetzungen dafür bietet: ein turbulentes, mit allen Zutaten damaliger Klischees angereichertes Handlungsmuster, eine spritzig-elegante und fantasievolle Musik.

Original, originell und möglichst authentisch: Das sind die Qualitätsmerkmale der Neuburger Kammeroper. Der Zuschauer wird nicht belehrt, manipuliert oder missioniert. Es stellt sehr zufrieden fest, dass die Verantwortlichen der Versuchung widerstehen, den Stücken ein modernes Sujet zu verpassen und davon absehen, die Darsteller mit Jeans oder Büroanzügen agieren zu lassen. Statt dessen erleben wir ein verschwenderisches Kostümaufgebot, eingerahmt von einem prächtigen Bühnenbild – ein Fest für die Augen! Michele Lorenzini überrascht jedesmal mit neuen Ideen und reizenden Details.

 

In einem zauberhaften Bühnenbild von Michele Lorenzini, das auf einem Prospekt im ersten Akt einen pittoresken Garten im Schloss zeigt und nach der Pause einen wunderbaren Panoramablick auf das Schloss aus Sicht des Dorfes bietet, erzählt Horst Vladar die Geschichte wie gewohnt ohne moderne Regietheatermätzchen und vertraut der subtilen Komik der Vorlage. Als Requisiten reichen ein paar kleine Holzpodeste und ein mit Rosen geschmückter Torbogen. Die Kostüme unterstützen ebenfalls in ihrer Opulenz den "klassischen" Ansatz. Bemerkenswert ist, dass, wenn Mathilde und Edile als Zigeunerinnen auftreten, sie wirklich auf den ersten Blick nicht zu erkennen sind, so dass auch hier die Verkleidung durchaus realistisch wirkt. Musikalisch sind die Ouvertüre und die Zwischenspiele noch etwas ausbaufähig. Da klingt bei dem Orchester des Akademischen Orchesterverbandes München e. V. unter der Leitung von Alois Rottenaicher vor allem bei den Bläsern noch nicht alles so rund, wie man es gerne hätte. Der Chor der Neuburger Kammeroper unter der Leitung von Norbert Stork präsentiert sich stimmgewaltig und überzeugt in der Spielfreude als Hofgesellschaft genauso wie als Bauern und Bäuerinnen auf dem Land.

Thomas Molke in:

http://www.omm.de/veranstaltungen/festspiele2016/ND-2016-abenteuerlust.html

 

Wieder einmal zeigt die Neuburger Kammeroper, was für gelingendes und bewegendes Musiktheater fundamental wichtig ist: Ensemblegeist, Freude an der Interaktion mit dem Aufführungsort und eine nach bald fünfzig Jahren noch immer selbstverständliche Spontaneität. Es ist nicht das geringste Verdienst, dass sie mit ihrer Spielform ganz ohne Education-Brimborium echte Begeisterung erzeugt. Da sind Opern-Neulinge nach „der ersten Halbzeit“ noch immer genauso bei der Sache wie davor und am Ende der zweiten Aufführung gibt es satten, ehrlichen Schlussapplaus mit je drei Einzelvorhängen für alle Solisten.

Roland Dippel am 26.07.2016 in Neue Musikzeitung (Regensburg)

http://www.nmz.de/online/joconde-1814-von-isouard-ist-die-entdeckung-der-neuburger-kammeroper-2016